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Filmhaus
Saarbrücken
Mainzer Str. 8 Telefon: 0681 Vorbestellung: 39 92 97 Kino: 37 25 70 e-mail: Filmhaus@aol.com |
| MOP-Distribution
2001
Filme die man sonst nicht sieht! MOP-Distribution ist ein gemeinsam betriebener Filmverleih von Max-Ophüls-Preis und Filmhaus Saarbrücken. Die Filme können nur von Kinos ausgeliehen werden. Die Konditionen können telefonisch unter 0681/399297 oder per e-mail erfragt werden. Ausgemustert - Les Declasses Bessame Blue Hearts of New York Der Nebelläufer Erlösung Justino Kleine Sünden Marble Ass (Marmorarsch) OH, TANO! PIANESE NUNZIO VIERZEHN IM MAI Stations of the elevated Tempo Untersuchung an Mädeln
Der NebelläuferRegie: Jörg Helblingausgezeichnet mit dem Max Ophüls Preis 1996 Begründung der Jury (Rainer Kaufmann, Kurt Kupferschmid, Peter Patzak, Max Rüdlinger, Conny E. Voester): Ein zärtlicher Film über das Erwachsenwerden, der nicht nur gedacht, sondern auch genau gespürt ist. Die Gefühle sind wahr und alle Figuren leben. So werden sie Bausteine dieser Geschichte. Mut zur Wärme und zum Konflkt machen diesen Film aus. D.: Lawrence Grimm, Barbara-Magdalene Ahren, Roland Wiesnekker; B.: Jörg Helbling; K.: Peter Indergand, M.: Louis Crelier; Schweiz, 1996, Farbe, 89 Min., 35 mm, deutsche Fassung. Nach einem Selbstmordversuch wird Michi von seiner Mutter in ein Internat geschickt. Doch auch dort holt ihn die Frage nach der Wahrheit über seinen Vater wieder ein. Der Schweizer Jörg Helbling versetzt den Zuschauer einfühlsam in die Seelenlage eines pubertierenden Jungen, der sich von allen im Stich gelassen fühlt. Dabei rechnet Helbling zugleich mit der Erwachsenenwelt ab, die sich weitaus mehr vor der Realität fürchtet, als es sich selbst eingestehen möchte. Absolut sehenswert!" (Martin Grasmück) In seinem Debutfilm erzählt Jörg Helbling einfühlsam von der Schwierigkeit der Adoleszenz." (Blickpunkt Film) Helbling verzichtet auf Polemik und spektakuläre Dramatik; aufmerksam und aufrichtig folgt er seinem Protagonisten auf dessen Seelenreise, beschreibt seine erschreckend schöne Begegnung mit der Sexualität, die Verzweiflung angesichts mangelnder Akzeptanz, die erste Konfrontation mit Drogen." (film-dienst) Die einfühlsam erzählte Geschichte eines 15-jährigen, der im Internat erste Erfahrungen mit Liebe, Sexualität und Tod macht." (Mannheimer Morgen) ... es geht um die Suche eines jungen Menschen nach familiärer und gesellschaftlicher Bindung, die Regisseur Jörg Helbling mit viel Gefühl und Poesie nachvollzieht..." (Berliner Morgenpost) Jörg Helblings mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichneter Nebelläufer" läßt den Zuschauer die Geschichte des 15-jährigen Michi aus dessen Augen heraus erleben und Helbling findet Bilder, die auch im Kino auf der großen Leinwand bestehen." (Saarbrücker Zeitung) ...seine Regiearbeit zeichnete sich (...) durch eine so intensive Führung seines erst 15-jährigen Darstellers sowie eine außergewöhnlich durchkomponierte Bildsprache aus, daß er seine Konkurrenten hinter sich ließ. Äußerliche Bewegung wurde bei ihm zum Ausdruck inneren Aufruhrs." (Neues Deutschland) Die Geschichte eines haltlosen 15jährigen Jungen, der sich zwischen den harten Bänken und Stühlen eines katholischen Internats an den Schwierigkeiten des Erwachsenwerden stößt, um dann vor den grünen Wiesen seines Heimatdorfs eine neue Beziehung zu seiner Umgebung aufzubauen, besticht durch die Klarheit der Bilder, einen einfühlsamen Inszenierungsstil und einen facettenreichen jungen Hauptdarsteller." (Die Welt) Nach einem Selbstmordversuch wird der fünfzehnjährige Michi auf ein Internat geschickt. Doch statt der erhofften Ruhe trifft er auf die erste Liebe und statt auf Offenheit auf eine Mauer des Schweigens und der Heuchelei. Ein bemerkenswertes Portrait eines Jungen, der auf eine Erwachsenenwelt stößt, die auf seine Fragen keine Antworten findet, stattdessen mit Ablehnung reagiert. Helblings Bilder tragen sensible, behutsame Züge, balancieren zwischen Hoffen und Hoffnungslosigkeit. Verstärkt wird die Geschichte durch Lawrence Grimm als Michi, dessen innere Anspannung und Unruhe jederzeit sichtbar wird." (Westfälischer Anzeiger) Michi kann nicht mehr; er kappt die Bremskabel seines Velos und rast einen Hang hinab. Er überlebt und wird ins Internat gesteckt - Sicherheitsverwahrung für einen, dem nicht zu helfen ist. Am Ende hat Michi Siege erstritten und ein, zwei leuchtende Glücksmomente erlebt - genug, um ein Leben zu entwickeln. Der Hauptdarsteller Lawrence Grimm, zur Drehzeit selbst gerade fünfzehn, war beim Festival der Liebling des Publikums und erhielt den Preis der Leserjury der Saarbrücker Zeitung." (Stuttgarter Nachrichten) Kond.: 43,6%, Frachtkosten zu Lasten des Bestellers (ab 400,- Dm Verleihanteil 50% / 50%), Garantie: 250,- DM, 15 % MwSt., Werbem.: Plakate A2, Aushangfotos Farbe, Pressefotos s/w, Trailer, Infoblätter, (20,-DM), Werberatschlag, Start: 31. Juli 1997 zurück
Blue Hearts of New YorkFilme der School of Visual Arts, New YorkKurzfilme aus dem Filmfestival Max Ophüls Preis USA 1995-1996, 16 mm OmU, Farbe und s/w, 102 Min.
The Fight
Buttercup
The Painter
One too many
Wash-dry-fold
Candy and the fishbowl
Kond.: 43.6 %, Frachtkosten zu Lasten des Bestellers (ab 400,- DM Verleihanteil 50 % / 50 %), Garantie: 250,- DM, 15 % MwSt., Werbem.: Plakate A2, Aushangfotos Farbe, Pressefotos s/w, (20,- DM), Werberatschlag, Start: 17.Juli 1997 Kritik Vom Zufallstreffen im Waschsalon über harte Boxer bis zu sexuellen Identitätskriesen ist alles dabei. Die Woche: Sehenswert zurück
BessameSpielfilm aus Georgien Regie: Nino Achwlediani Darsteller.: G. Charabadse, K. Kawsadse, R. Tabukaschwili, N. Koridse, D. Gabuma, N. Zomaia u.a.; Buch: G. Dotschanaschwili, N. Achwlediani; Kamera: L. Achwlediani; Musik: W. Kachidse; Georgien, 1989, Farbe, 35 mm, 95 Min. OmU Der Film Bessame" ist der erste Langspielfilm der Regisseurin, die in Tbilissi geboren wurde und bis 1984 an der Moskauer Filmhochschule WGIK studierte. Während eines kurzen Auslandsstudiums in Spanien entstand die Idee zu dieser georgisch-spanischen Coproduktion. Der Film spielt in der napoleonischen Zeit, als Teile Spaniens von französischen Truppen besetzt waren. Im Zentrum der Handlung steht der junge Hirte Bessame, der zufällig auf einen berühmten Musikprofessor trifft. Dieser nimmt ihn mit in die große Stadt, damit er dort Musik studieren kann. An der Musikhochschule kommt Bessame in Konflikt mit seinem Geschichtsprofessor, der Napoleon als bedeutendsten Menschen der Gegenwart feiert und entsprechende Zustimmung seiner Schüler erwartet. Als sich Bessame diesem ihm aufoktroyierten Geschichtsbewußtsein verweigert, wird er zwangsweise in eine Strafanstalt für Jugendliche überführt, wo er die ganze brutale Gewalt eines diktatorischen Regimes zu spüren bekommt. Es regiert das Gesetz des Stärkeren. Das Regiment führt ein brutaler und korrupter Aufseher, der die jungen Männer mit sadistischen Methoden abrichtet, ihren Willen bricht, und sie nach seiner Lebensmaxime drillt, daß nur der Stärkere, der sich zu wehren versteht, überleben kann. Diese äußeren Bedingungen verändern den Charakter des jungen begabten Musikers, der, um sich selbst zu retten, zum brutalen, gefühllosen Tier wird, das all das zerstört, was er einst verehrte. Eine eindrucksvolle, parabelhafte Studie über das Thema Macht, Gewalt und Anpassung. Kond.: 42 %, Frachtkosten zu Lasten des Bestellers (ab 400,- DM Verleihanteil 50 % / 50%), Garantie: 250,- DM, 15 % MwSt. Werbem.: Plakate A3, Aushangfotos s/w, Werberatschlag, Start: 24. Juli 1997 Kritik
Dort verliert der Film durch den fast
völligen Verzicht auf historische Kostüme oder Dekors seinen
Zeitbezug und wird zur allgemeingültigen Parabel auf eine
menschenunwürdige Gesellschaft. Der sadistische Leiter der
Anstalt läßt sich bestechen, zwingt die Jugendlichen zu
brutalen Kämpfen. Bessamè versucht, sich dem Terror und
dem anzulernenden Haß zu entziehen, doch er hat keine Chance:
Nach seiner "Erneuerung" ist er ein abgestumpfter und
gebrochener Mann, der nun nicht mehr Querflöte im stillen Kämmerlein
spielt, sondern auf Befehl seines dispotischen Fürsten die Pauke
schlägt.
Regisseur Nino Achwlediani macht diese
Deformation sogar dadurch deutlich, daß Bessamè nach
seiner Umerziehung von einem anderen Schauspieler verkörpert
wird. Ansonsten schildert sie die Unmenschlichkeit scheinbar
teilnahmslos in kühlen, blaugrauen Farben und mit quälender
Ruhe - was den Film um so berührender und eindringlicher macht.
Tobias Kessler (Saarbrücker
Zeitung)
Marble Ass (Marmorarsch)Ein Film aus Serbien Regie: Zelímír Zílník Darsteller/innen: Vjeran Miladinovic, Nenad Rackovic, Nenad Milenkovic u.a.; Kamera: Miodrag Milosevic; Musik: Dejan Kijevcanin, Love Hunters; Produktion: Radio B 92, Belgrad; Serbien, 1994, Farbe, 35 mm, 87 Min., OmU Ein heruntergekommenes Haus in den Außenbezirken von Belgrad ist Zuflucht einer merkwürdigen Clique von Kriegsverweigerern. Marilyn, ein Transvestit, arbeitet als Hure und glaubt, so einen persönlichen Beitrag zur Befriedung des Balkans zu leisten. Sanela, ebenfalls Transe, läßt sich von einem Bodybuilder aushalten. Dzoni, ein Kriegsheimkehrer, und sein Kumpel schlagen sich mit krummen Geschäften durch. Die Verlorenheit der Menschen, die Kriegstraumata und alltägliche Schwierigkeiten des Überlebens münden in eine Spirale von Gewalt und Gegengewalt. Ein Film über eine Gesellschaft im Kriegszustand, ein Abgesang auf eine ganze Zivilisation. (Spezialpreis der Teddy-Jury Berlin 1995) Transvestiten im Krieg, das ist eine Vorstellung, die wenigstens ein Schmunzeln verursacht, entziehen diese Menschen sich doch grundlegend dem Bild von Männlichkeit und Stärke, das man selbst als überzeugter Pazifist mit dem Geschwader an der Front in Verbindung bringt. Um es gleich vorwegzunehmen, an der Front gibt es sicherlich keine Transvestiten, dafür aber zu Hause, zwischen Frauen und Kindern, und da fühlen sie sich sicher auch wohler. Merlin (Vjeran Miladinovic), die Hauptfigur aus Zelimir Zilniks Tuntendrama Marble Ass", ist ein solcher Transvestit. Im heruntergekommenen Belgrad ist sie eine Trümmerfrau, eine Florence Nightingale im Kampf gegen die Verwüstung der Menschlichkeit, doch Merlins Trümmer und ihr Aufopferungsdrang entscheiden sich grundlegend von denen der anderen. Denn da, wo früher einmal Jugoslawien war, befindet sich jetzt ein Straßenstrich, auf dem Merlin ihren spezifischen Beitrag zum Wiederaufbau des Landes leistet. Die Apokalypse naht, und zwar mit Handtasche und wüstem Hüftschwung. Denn Merlins Trümmer sind keine Bauwerke, sondern die angeknacksten Machoallüren der heimkehrenden Kämpfer, Merlins Motivation ist kein selbstloser Altruismus, sondern die Suche nach Luxus in einer ziemlich glamourlosen Zeit. Für Geld läßt sie die gebrochenen Krieger den Kampf ein weiteres Mal aufnehmen, allerdings im Bett. Einer von ihnen ist Johnny (Nenad Rackovic), der mit Messer und Knarre zurückgekehrt ist und nun die Bombardierung ruckartig auf Merlins Körper fortsetzt. Make love, not war könnte man dazu sagen, doch selbst die ewig gestrigen Hippies müßten angesichts der katapultierenden Bewegungen, mit denen sich Johnny Erleichterung verschafft, den Begriff Liebe" neu definieren. Zelimir Zilnik thematisiert den Zusammenhang von Gewalt und Krieg einerseits und Sexualität und Prostitution andererseits. (tip) Konditionen: 43,6 %, Frachtkosten zu Lasten des Bestellers (ab 400,- DM Verleihanteil 50 % / 50 %), Garantie: 250,- DM, 15 % MwSt., Werbematerial: Plakate A3, Aushangfotos Farbe, Pressefotos s/w, (20,- DM), Start: bereits im Einsatz. zurück
TEMPOv. Stefan Ruzowitzky "Sehr komisch, darüber hinaus aber auch ein äußerst vitales Stück authentischer Lebenskultur ist "Tempo" des Österreichers Stefan Ruzowitzky (geb. 1961), eine Art "Rave-Film", der für die 90er Jahre das sein könnte, was Jean-Jacques Beineix' Kult-Krimi "Diva" für die frühen 80er war. Tempo ist in der Tat das Programm des Films, der von den rasanten Botenfahrten des knapp 18jährigen Fahrradboten Jojo in Wien erzählt. Jojo will als typischer Vertreter seiner Generation "alles und zwar sofort", liebt den schnellen Beat der Techno-Musik, die ihm nicht zuletzt der Lebensimpuls für seine überbordenden Fantasien ist. Blitzschnell spinnt er sich ausgeflippte Geschichten zu seinen alltäglichen Botenaufträgen zurecht, bis er fatalerweise Fantasie und Wirklichkeit nicht mehr zu trennen vermag und in eine handfeste Crime-Story um Dealer, Drogen und minderjährige Abhängige gerät. "Tempo" fängt facettenreich Stimmungen des Jungseins ein: Geschwindigkeit, Mobilität, ein wenig Anarcho-Freiheit sowie satirische Frechheit werden von der storboskopartig auf- und abblendenden, stets sehr agilen Kamera rhythmisch und präzise eingefangen, wobei am Ende des ausgelassenen, gewiß nicht immer perfekt zündenden Spiels fast schon etwas wie eine Moral aufblitzt: Jojos "coole" Tagträume bzw. Traumtage hinterlassen Blessuren, aber auch manche (Selbst-) Erkenntnis." Ein deutschsprachiger Film" .. der ein atemberaubendes Tempo entwickelt als Synonym für die schnelle Sucht nach allem, was die junge Generation für unterhaltsam hält: Drogen, Musik, Sex und Liebe." (Tip-Magazin) " .. ein fulminater Debütfilm, der zum Kult-Streifen der Techno-Generation avancieren könnte." (Freitag) " .. der für den deutschsprachigen Raum ein neues Untergenre konstruiert hat: die Techno-Komödie" (Filmecho) ".. der mit schnellen Kamerafahrten, kurzen Schnitten, einer rasenden Handkamera und dazu atemberaubenden Techno-Beats, dem Film eine Frische gibt, die ihresgleichen sucht." (Sächsische Zeitung) zurück
JUSTINO Der Mordbubev. La Cuadrilla "Er kann keiner Fliege etwas zuleide tun aber der Mensch ist ja bekanntlich keine Fliege." Dies verrät uns der Vorspann mit hintersinnigem Humor über Justino, den sympathischen alten Herren und Protagonisten dieses Gemeinschaftswerkes der beiden Regisseure Luis Guridi und Santiago Aguilar, die nach einer alten Gewohnheit für jedes Filmprojekt ihre gemeinsame Atuorenschaft in einen neuen Phantasie-Namen fassen: diesmal tritt das Regie-Duo als "La Cuadrilla" auf. Justino hat sein Brot als "Puntillero" verdient: das ist der Mann der dem vom Torero besiegten Stier in der Arena den tödlichen Dolchhieb versetzt. Jetzt ist er pensioniert. Sein Abschiedsgeschenk ein wunderschöner Dolch. Aber was soll der Witwer nun mit seiner Zeit anfangen? Untätig als Besucher in der Arena herumzusitzen, dazu hat der keine Lust. Er zieht mit seinem Freund Sansoncito, dem Sitzkissenverkäufer aus der Arena, den demnächst auch die Ödnis der Rentnerexistenz erwartet, durch die Bars und beginnt zu trinken. Beide träumen von Benidorm, an dessen Strand Sansoncito seine Asche verstreut wissen will, "damit sich alle schönen Frauen dort auf mich legen können." Der letzte Drink ist natürlich immer der verkehrteste, das weiß auch Justino, der auf dem Heimweg stürzt und ins Krankenhaus kommt. Wieder daheim, reißt der Streit mit seinem Sohn und seiner Schwiegertochter, bei denen er lebt, nicht ab. Die überraschende Wende kommt, als er nach einer erneuten Auseinandersetzung beide ins Jenseits befördert. Das war kein Problem für ihn, denn als Profi wußte er genau, wo er den Dolch anzusetzen hatte. Und nun beginnt eine Art zweiter Frühling für den Alten, ein Emanzipationsprozeß durch Mordausübung, die unter den bizarrsten Umständen stattfindet und in einem grandiosen Showdown von geradezu shakespearscher Blutigkeit endet. "Justino der Mordbube" ist ein in 16 mm Format gedrehter und auf 35 mm aufgeblasener Schwarz-weiß-Film, und das verleiht der Komödie in der Tradition des spanischen schwarzen Humors von Bunuel, Berlanga, Ferreri und Garcia Sanchez noch eine besondere ästhetische Raffinesse. "Justino, der Mordbube" lebt aus dieser Tradition, aber in Athmosphäre, Erzählduktus und Montage schafft er dennoch etwas ganz Eigenständiges. Ausgangspunkt der Geschichte ist eine Stierkampfarena. Justino, der für das Töten der Stiere verantwortlich war, feiert unter den Ovationen des Publikums seinen Abschied. 62 Jahre alt, wurde er frühzeitig in den Ruhestand entlassen. Doch der Triumph ist vergänglicher, als Justino dachte. Mit einem Budget von etwa 500 000 Mark entstand "Justino, der Mordbube" in zweieinhalb Monaten. Aufgebracht haben das Geld die Regisseure und der Produzent selbst. Es ist nach sechs Kurzfilmen der erste Spielfilm der beiden Nachwuchsfilmer und lief bereits auf zahlreichen spanischen Filmfestivals. In Stiges wurde er 1994 mit den Hauptpreisen für die beste Regie und den besten Hauptdarsteller ausgezeichnet. zurückPIANESE NUNZIO VIERZEHN IM MAI(Pianese Nunzio
quattordici anni a maggio)
Der Jugendliche Pianese Nunzio freundet sich mit dem neuen Priester seines neapolitanischen Viertels an, der sich im Kampf gegen die Camorra engagiert. Die Mafia schlägt zurück und denunziert den Priester bei der Staatsanwaltschaft, eine heimliche Neigung zu minderjährigen Jungs zu haben. Gegen die Mafia kämpfender Priester wird in eine angebliche Rufmord-Kampagne bezüglich seiner mißbrauchenden Beziehung zu einem 13-Jährigen gezogen, um ihm die Unterstützung der Bevölkerung zu entziehen. Der junge Priester Lorzenzo Borrelli riskiert im von Arbeitslosigkeit regierten Bezirk Sanità von Neapel sein Leben, als er beginnt, die Bevölkerung gegen die Camorra aufzuwiegeln. Da er damit Erfolge verzeichnen kann, will diese ihn zum Schweigen bringen, ohne einen Märtyrer aus ihm zu machen, wenn es auch anders funktioniert. Da muss die lokale Mafia gar nicht lange suchen, einen Skandal hat sie in der "Beziehung" des Pfarrers zu dem 13-jährigen Nunzio aus dessen Konfirmations-Klasse gefunden. Doch es erweist sich als schwierig, an den Jungen heranzukommen, sowohl von der Mafia, als auch von Seiten der Polizei, und dem Priester ist nicht leicht ein Maulkorb zu verpassen... Antonio Capuanos Poltidrama spielt in der Altstadt von Neapel, in einem Viertel, in dem einfache Menschen leben. Laute Mütter, aufgedonnerte Huren, mürrische Gestalten und frühreife Straßenjungen prägen die vitale Atmosphäre. Im Herzland der Camorra, der neapolitanischen Form der Mafia, schlägt sich der 13jährige Nunzio mit seiner schönen Stimme durch, in dem er auf Hochzeiten singt. Der Junge, der aus einer kaputten Familie stammt, freundet sich mit dem Priester Lorenzo an, der ihm in der Kirche Orgelunterricht erteilt. Angesichts der grassierenden Kriminalität geht der mutige Geistliche in die Offensive. "In den letzten zwei Jahren sind mehr als 80 Menschen in unserem Viertel ermordet worden", sagt er einem Journalisten. Öffentlich geißelt er das organisierte Verbrechen und ruft seine Gemeinde auf, die Kriminalität nicht länger durch Schweigen und Erdulden zu unterstützen. Gerade seine leutselige Integrität macht ihn für die Camorra besonders gefährlich. Da ein Attentat in diesem Fall nur einen Märtyrer schaffen würde, beschließen die Dunkelmänner, seine Glaubwürdigkeit zu untergraben. Dazu wollen sie Nunzio nutzen und die heimliche Neigung des Priesters zu minderjährigen Jungen. Die sogenannte ehrenwerte Gesellschaft informiert ergebene Polizisten und die Staatsanwaltschaft. Nunzio, der bei Lorenzo erstmals seit langem eine gewaltfreie, aufrichtige Anteilnahme erfährt, weigert sich jedoch auch unter Druck, gegen den Priester auszusagen. Als Lorenzo bemerkt, daß Nunzio deswegen selbst in Gefahr gerät, bricht er sein Schweigen. In seinem zweiten langen Spielfilm, der auf dem Filmfestival in Venedig 1996 den Pasinetti-Preis für den besten Schauspieler erhielt, geht Antonio Capuano formal gewöhnliche Wege. Einerseits läßt er die Figuren wie in einer Gerichtschronik zuweilen direkt in die Kamera sprechen, andererseits unterliegt er die Szenen aus den Problemzonen seiner Heimatstadt mit einem fiebrigen Soundtrack. Diese krude Mixtur irritiert zwar zunächst, verdeutlicht jedoch gerade mit ihrer markanten Stilisierung das pulsierende Leben in der gewaltigen Metropole. Die soziale und politische Realität Neapels charakterisiert der 1945 geborene Regisseur, der auch das Drehbuch schrieb, mit großer Präzision, erkennbar an der kleinen, aber aussagekräftigen Randbeobachtungen und Gespür für Zwischentöne. Ohne in einen plakativen Anklage Gestus zu verfallen, führt er uns ein gesellschaftliches Klima vor Augen, in dem der Verlust familiärer Bindungen, der Resignation der Armen, die Allgegenwart der Korruption, die scheinbare Ohnmacht gegenüber der Camorra zu einer schleichenden Entwertung der Werte und zur Auflösung eines funktionierenden Gemeinwesens führen. Mit dem jungen Emanuele Gargiulo und Fabrizio Bentivoglio hat Capuano die schwierigen Hauptrollen exzellent besetzt, tragen die beiden doch das zuweilen geradezu kammerspielartige Drama über weite Strecken fast alleine. Beeindruckend ist, wie sie den schauspielerischen Ballanceakt absolvieren, eine menschlich erfüllende Freundschaft darzustellen, die von einem doppelten Tabu überschattet ist: die Homosexualität des katholischen Priesters und die Minderjährigkeit des Knaben. Lediglich gegen Ende, wenn Capuano die Denunzation Nunzios bei den Staatsanwälten parallel montiert zu einer Kreuzwegprozession Lorenzos im strömenden Regen, schießt er in barockisierendem Pathos übers Ziel hinaus. Wie Aurelio Grimaldis ebenfalls 1996 entstandener Essayfilm "Nerolio" mit drei fiktiven Episoden des berühmten homosexuellen Schriftstellers Pier Paolo Pasolini, blieb auch Capuanos Film ein regulärer Kinostart in Italien verwehrt. Stieß "Nerolio" wegen seiner schonungslosen Darstellung der menschlichen Unzulänglichkeit des Ausnahmekünstlers in einflußreichen intellektuellen Kreisen auf Ablehnung, so eckte "Pianese Nunzio" wegen der delikaten sexuellen Thematik bei der mächtigen katholischen Kirche an. Vor dem Hintergrund der belgischen Dutroux Affäre und der dadurch ausgelösten Debatte über Kindesmißbrauch, sowie der Diskussion über Kinderpornographie im Internet verdient Capuanos packendes Drama auch hierzulande Beachtung. Dies um so mehr, als sich "Pianese Nunzio" in der Komplexität seiner Inszenierung vorschnellen Urteilen entzieht und gängigen moralischen Vorverurteilungen sensationsgieriger Massenmedien Widerstand leistet, dafür aber um so beherzter für Toleranz und Barmherzigkeit eintritt. Der Jugendliche Pianese Nunzio freundet sich mit dem neuen Priester seines neapolitanischen Viertels an, der sich im Kampf gegen die Camorra engagiert. Die Camorra schlägt zurück und denunziert den Priester bei der Staatsanwaltschaft, eine heimliche Neigung zu minderjährigen Jungs zu haben. Gegen die Mafia kämpfender Priester wird in eine angebliche Rufmord Kampagne bezüglich seiner mißbrauchenden Beziehung zu einem 13jährigen gezogen, um ihm die Unterstützung der Bevölkerung zu entziehen. Der junge Priester Lorenzo Borelli riskiert im von Arbeitslosigkeit regierten Bezirk Sanit von Neapel sein leben, als er beginnt, die Bevölkerung gegen die Camorra aufzuwiegeln. Da er damit Erfolge verzeichnen kann, will diese ihn zum Schweigen bringen, ohne ihn zum Märtyrer aus ihm zu machen, wenn es auch anders funktioniert. Da muß die lokale Mafia gar nicht lange suchen, einen Skandal hat sie in der "Beziehung" des Pfarrers zu dem 13jährigen Nunzio aus dessen Konfirmations Klasse gefunden. Doch es erweist sich als schwierig, an den Jungen heranzukommen, sowohl von der Mafia, als auch von Seiten der Polizei, und dem Priester ist nicht leicht ein Maulkorb zu verpassen zurück
Die ERLÖSUNGv. Olli Saarela D.: Kari Heiskanen, Jussi Puhaka; B.: Olli Saarela; K.: Antti Hellstedt; M.: Tero Malmberg; Produktion: Kinoproduktion Oy, Helsinki; Finnland / Schweden 1997, Farbe 72 Min.Wer bei Finnland nur an die drehfreudigen Brüder Aki und Mika Kaurismäki denkt, übersieht, daß auch andere Produktionen aus dem Land der tausend Seen Sehenswürdigkeitscharakter haben. Ein Zweig des finnischen Filmschaffens produziert Kriegsfilme, zumeist über den Grenzkonflikt Finnland / Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg: Werke, deren spezifische Qualität im beinahe Dokumentarischen der Ereignisse liegen. Eine Episode aus dem Bürgerkrieg 1918 bildet den Hintergrund für Olli Saarelas religiöses Drama, das erstaunlich viele Parallelen zu "Der schmale Grat" aufweist. Der Priester und Dorfschullehrer Patrick ringt in jenem Frühjahr um die Osterzeit, als er 40 Jahre alt wird, mit dem Glauben, mit der Gewalt und dem Töten, die durch den Krieg auf die armen Bevölkerung wie Urgewalten gestoßen sind. Ausgerechnet er kümmert sich um einen jungen russischen Gefangenen, den ihm ein Deutscher übergeben hat, und wird das Opfer dieses Fanatikers, der sich für Patricks Hilfe mit einer Kugel bedankt. Die mag für den zweifelnden Priester die Erlösung sein. Für den Zuschauer fangen hier die Fragen an: Wie steht es mit Parteinahmen und Menschlichkeit mitten im Chaos? Patricks Ohnmachtsanfälle, seine unterdrückte Homosexualität und die Briefe an seinen Bruder thematisieren diese Probleme ohne Pathos. Die in ihrer Kälte schöne nordische Landschaft und die leitmotivischen Klagelieder sind elegische Kommentare eines Films, der in Programmkinos als Rarität Endruck machen wird. (Blickpunkt Film) Schuld und Sühne
in Finnland
Ergreifend und
illusorisch:
Olli Saarelas Film DIE ERLÖSUNG beschreibt einen Mann, der den Bürgerkrieg in der Einöde des östlichen Finnlands erlebt. Patrik Sillman (Kari Heiskanen) steht einer versprengten bäurischen Kommune als Pfarrer und Lehrer in Personalunion vor, seine Schulklasse umfaßt vom Greis bis zum Säugling so ziemlich jede Altersstufe. Sillman ist in der Gemeinde ein wandelnder Fremdkörper, der krampfhaft an städtischen Gepflogenheiten festhält und sich in vollem Ornat, mit dem Fahrrad über den sumpfigen Boden quält, anstatt zu Fuß zu gehen. Abends schreibt er Briefe an den Bruder, Kommandant bei den Weißen: Klagelieder über das Leben in der Diaspora, Stoßseufzer über seine Gottesfurcht nicht im geringsten zu zügelnde Begierde. Zuvor gab es Anspielungen auf die verdrängte (Homo-) Sexualität des Pfarrers. Beim zufälligen Anblick einer üppigen, nackten Frau rafft er panisch die Rockschöße seiner Kutte und sieht zu, daß er Land gewinnt. Einen kommunistischen Gefangenen, den man für einige Zeit bei ihm unterbringt, versucht Sillman linkisch zu verführen. Der Krieg ergreift allmählich auch von dem strategisch komplett wertlosen Landstrich Besitz, und damit wird alles noch schlimmer. In Finnland mag man es dem Regisseur anrechnen, daß er in die Zeit der Staatsgründung zurückgeht und im Krieg zwischen den Roten und Weißen nicht die Ideologien, sondern das sinnlose Schlachten in den Vordergrund stellt. Beide Parteien agieren ihren veritablen Blutrausch an der Zivilbevölkerung aus. Die Weißen morden allenfalls etwas gesitteter, man hat ja Manieren. Erschießungen also immer hübsch auf Kommando. Die Opfer sind aber in jedem Fall unbeteiligte und ahnungslose Bauern, die sich zum Jux eine gefundene kommunistische Uniform überstreifen - ohne zu wissen, daß das tödliche Folgen haben kann..." (EPD - Film) 1918: Der vereinsamte Pfarrer Patrick Sillman lehrt die Kinder, pflegt die Kranken und hält die Messen in einem karelischen Dorf, das vom Bürgerkrieg umtobt ist. Er will Partei ergreifen, doch sein geliebter Bruder dient bei den Weißgardisten. Der Pfarrer verliebt sich ausgerechnet in einen ihrer Gefangenen, auf den er eine Nacht lang aufpassen soll, und verhilft ihm zur Flucht. An ein aufgeschlossenes Arthouse - Publikum wendet sich Olli Saarela mit einem epischen Drama um Schuld und Sühne, das in seinem Heimatland mit Preisen überschüttet wurde. Das düstere, philosophische Historiendrama zeigt, daß es in Finnland auch anderer interessante Filmemacher neben den hierzulande bekannten Kaurismäki - Brüdern gibt. (Blickpunkt Film)
Oh Tano!für Dich lohnt es sich zu sterben.(TANO DA MORIRE) MAFIA RAP MUSICAL Regie: ROBERTA TORRE Musik: NINO D' ANGELO Regie und Buch: Roberta Torre, Kamera; Daniele Cipri, Schnitt: Giò Giò Franchini, Ton: Glauco Puletti, Mauro Lazzaro, Musik: Nino D'Angelo, Ausstattung: Claudio Russo, Fabrizio Lupo, Darsteller/innen: Ciccio Cuarino, Mimma De Rosalia, Enzo Paglino, Maria Aliotta, Anna m. Confalone, Italien 1997, Farbe, 35 mm, 80 Min. OmU, Produktion: Donatella Palermo und Loes Kamsteeg von A.S.P.srl. Verleih: MOP Distribution, Mainzer Straße 8, 66111 Saarbrücken Dies ist die wahre Geschichte von Tano Guarrasi in Form einer musikalischen Burleske. Tano Guarrasi, Metzger und Mafiaboss aus Palermo, stirbt an acht Kugeln. Ein Trauerfall und ein Grund zur Hochzeit, denn Tano hatte seinen vier furiosen Schwestern bis dahin die Männer und das Heiraten verboten. Erst jetzt sind die mittelalterlichen Jungfern von der Liebe des manischen Machos befreit, und schon wirft sich die erste ins Brautkleid. Die anderen sitzen als schnatternde Wachteln unter der Trockenhaube im wunderbar rosaroten Frisiersalon. Weniger als zehn Jahre sind vergangen seitdem Tano gestorben ist, und er ist schon eine Volkslegende. Mit der Zeit hat sich die echte Geschichte und die echten Personen mit Zaubergeschichten und Aberglaube vermischt. In dem Stadtviertel Vucciria von Palermo sind Tanos Gesten mittlerweile eine Legende, eine Mafia - Legende. Die Geschichte wird durch die Menschen von Palermo erzählt. Unbekannte Schauspieler, Leute die Tano Guarrasi wirklich kennengelernt haben, einige mit ihm verwandt, erzählen uns Tanos Geschichte mit Musik: tanzend, singen und spielend. Vor Roberta Torre war allerdings noch niemand auf die Idee gekommen, aus einem Mafia - Stoff ein Musical zu machen. Die Regisseurin hat ihren Protagonisten knallbunte Kostüme angezogen und sie zu Rap und Schlagerrythmen von Nino D' Angelo singen und tanzen lassen. Dazu hat sie ungefähr 350 Mitspieler auf den Straßen Palermos gewonnen. Spaßig, aber gewöhnungsbedürftig. "Roberta Torre inszeniert dies bonbonbunt, deutlich inspiriert von ihrem Vorbild John Waters: Mafiabräute singen Complets unter Trockenhauben, um diese schließlich mit Frisuren aus echen "frutti di mare" zu verlassen - Aale schlängeln sich zu Perücken und sind zugleich das einzig glatte an diesem Film." (Film - Dienst) Es hat sich gelohnt: Wunderbar schwul - schwülstig diese italienische Operette "Tano da Morire". Die Mafiosi aufgedonnert wie fettige Schlagersänger in den 70ern. Und was wir immer schon ahnten: Der ganze Haufen, ein homoerotischer, sentimentaler Männerbund (Silvia Buss, Saarbrücker Zeitung) ROBERTA TORRE Geboren 1962 in Mailand, Philosophiestudium, dann Filmstudium an der "Scuola di Cinema" in Mailand, seit ihrem Umzug nach Palermo hat sie ein umfangreiches wird an "Dokufiction" geschaffen. Filmbiographie: 1987 "Milano" (Kurzfilm) 1988 "Cronica" (Kurzfilm) 1990 "Tempo da buttare" (Kurzfilm) 1994 "Senti amor mio" (Kurzfilm) 1997 "Tano da morire" (Spielfilm) zurück Stations of the Elevated
USA 1979; Produktion: streetwise films; Regie, Buch, Kamera und Schnitt: Manfred Kirchheimer Musik: Charles Mingus Länge: 46 Minuten Verleih: MOP Langsam zieht der Titelschriftzug durchs Bild, wie ein Zug, der anfährt - und gibt den Blick frei auf eine Ansammlung länglicher Dächer aus der Vogelperspektive. Sie wirken wie schlafende Schlangen, abstrakt und grünbeige, sorgsam gegliedert wie ein konstruktivistisches Gemälde. Dann bewegt sich doch etwas. Aber erst, wenn das typische metallische Quietschen ertönt, weiß man, dass man es wirklich mit Zügen zu tun hat. Zaghaft setzt ein Schlagzeug ein, ein Lok pfeift, ein Basslauf kommt dazu, die Musik wird dichter, und endlich sieht man eine der Hochbahnen von der Seite mit bunten Graffitis übersät quer durchs Bild fahren, dann eine Zweite, eine Dritte, alle von rechts nach links, in einem ganz ungewöhnlichen Rhythmus. So beginnt "Stations of the Elevated". Wer sich auf diese ruhige, atmosphärische Dokumentation mit ihren vorbeiziehenden Zugbildern, spärlichen Geräuschen und der schwebenden Musik von Charles Minges einlässt, der ist schon nach wenigen Minuten gefangen von dieser eigentümlichen Welt. Die Franzosen sagen "Cinépoème" zu so einem Film, der ganz von seiner Stimmung lebt, ohne Kommentare auskommt, stellenweise wie ein Experimentalfilm wirkt, wie Malerei in Bewegung oder auch wie bebilderte Musik. Nostalgische Gefühle kommen auf: Als Manfred Kirchheimer 1979 die Graffiti - Kunst der New Yorker Hochbahnen mit seiner Kamera festhielt, war sie schon im Verschwinden begriffen, weil der New Yorker Bürgermeister den Sprayern den Kampf angesagt hatte und die Bahnen so schnell säubern ließ, dass sie keine Chance mehr hatten. Auch die Jazz-Musik war 1979 ein Anachronismus, denn zur Kultur der schwarzen Sprayer gehörten Rap und Breakdance, nicht die so schöne einlullende Jazzmusik, ohne die der Film eine ganz andere Stimmung hätte. Kirchheimer hat auch bewusst die schönsten Züge gefilmt, mit Graffiti, die wirklich Kunstwerke sind wegen ihrer kantig ineinander verschlungenen Buchstaben, die man oft erst auf den zweiten Blick entziffern kann: "Pusher", "Slave", "Crime", "Hate", "Earth is Hell" ist da zu lesen. Anklagen an eine unmenschlich gewordene Welt. Hoffnungen spendende Worte wie "Heaven is Life" finden sich nur selten, meint doch der mehrdeutige Filmtitel nicht nur "Bahnhöfe der Hochbahn", sondern erinnert auch an die Stationen eines Kreuzweges. Aber eine Jesus - Figur taucht nicht auf, stattdessen fahren Charlie Brown und Mickey Maus auf dem Zug. Die gemalten Comic-Helden finden ihre Pendants in den ebenfalls comic-haften, aber viel bedrohlicher wirkenden Cowboys auf den riesigen Werbetafeln an den Bahnhöfen, auf Werbetafeln und Hauswänden entlang der Strecke. Irgendwann fahren die Züge schneller, und in der entgegen gesetzten Richtung werden die Malereien aggressiver: Man sieht in die Mündung eines Revolvers, auf weiße Totenköpfe, auf gewaltige stählerne Brückenkonstruktionen, zwischen denen die Züge durchfahren, auf triste Hochhaussiedlungen aus rotem Backstein, vor denen schwarze Kids spielen, auf einen ausrangierten Panzer mitten auf der Wiese. Das sind die Momente, in denen man spürt, dass es Kirchheimer jenseits aller Ästhetik auch darum ging, das Leben im schwarzen Ghetto zu zeigen, das solche Graffitis entstehen ließ. Mit "Stations of the Elevated" hat der 1931 in Saarbrücken geborene jüdische Dokumentarfilmer, der schon 1936 mit seinen Eltern auf der Flucht vor den Nazis in Amerika landete, seine zweifellos besten Film gedreht. Das kommentarlose Gegenüberstellen der illegalen Graffiti-Kunstwerke mit den gesellschaftlich anerkannten auf den Werbetafeln, die nachdenklich machenden Graffiti-Texte, die langsame Fahrt der Züge aus der überladenen Stadt hinaus in die ländlichen Vororte, die selbst wie Graffiti-Figuren wirkenden, meist nur als Schatten wartenden Menschen auf den Bahnsteigen - all diese meisterhaft fotografierten Szenen wirken heute, 20 Jahre später, da diese Subkultur in die moderne Kunstwelt integriert und verfremdet ist - noch eindringlicher als zu ihrer Entstehungszeit. Dass dieses Zeitzeugnis, das in Deutschland in den 80er Jahren nur auf Festivals zu sehen war, jetzt doch noch in die Kinos kommt, ist ein kleines Wunder, auch wegen seiner Dauer von nur 46 Minuten. Im Beiprogramm gibt es darum noch einen zweiten Film Kirchheimers, den 15-minütigen Kurzfilm "Claw" ("Klaue", 1968), eine ebenfalls wortlose Studie: Ein riesiger Abrissbagger verrichtet sein Werk wie ein böses Monster und bringt im Dienst der Stadtsanierung ein Haus zum Einsturz - fast so lyrisch und anklagend wie der Zugfilm. So kann man spät, aber vielleicht nicht zu spät, nach dem traditionell gemachten Kirchheimer-Dokumentarfilm "We Were So Beloved" (1985) über vor den Nazis geflohene Juden, die sich in den USA ansiedelten, auch einen sehr poetischen Dokumentarfilmer und sein schmales Werk kennen lernen: denn der Dozent der New Yorker School of Visual Art, der seit Mitte der 80er -Jahre regelmäßig beim Saarbrücker Max-Ophüls-Festival die Filme seiner Studenten zeigt, hat seit 1965 nur etwas mehr als eine Hand voll Filme finanzieren und drehen können. (Andrea Dittgen) Die poetische Dokumentation über die kunstvollen Graffiti auf den New Yorker Hochbahnen im Jahr 1979 zeigt die verschwundenen Formen der illegalen Spontankunst mit tristen Alltagsbotschaften aus dem schwarzen Ghetto, aber auch Parallelen zu den legalen, oft aggressiven Werbetafeln am Wegesrand. Ein meisterhaft fotografiertes stimmungsvolles Zeitzeugnis, das sich jeden Kommentars enthält, aber durch die anachronistische Jazzmusik und den malerisch-musikalischen Rhythmus die Spraykunst auch nostalgisch verklärt. - Sehenswert (Filmdienst 20/00) Im Beiprogramm: Claw ( Klaue ) Regie, Kamera: Manfred Kirchheimer; schwarz/weiß; 30 Min. "Claw" zeigt eine Angst einflößende Maschine, wie sie abbruchreife Gebäude zum Einsturz bringt. Die Kamera liefert eine Studie städtischer Zerstörung und Sanierung, gesehen aus dem Blickwinkel der zu sanierenden, älteren Gebäude, die die großen Maschinen, von denen sie am Ende auch selbst zerstört werden, dabei beobachten, wie sie die Stadt verändern. .....eine überzeugende filmische Aussage." ( Landers ) "Bilder makelloser Schönheit.... Der Film ist witzig, optisch fesselnd, bedrohlich und es ist fast unmöglich, nicht von dem sensiblen Blick der Kamera auf Flächen angesprochen zu werden." ( Independend Filmmakers Exposition ) |
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KLEINE
SÜNDEN
Director: Ramon Barea Script: Felipe Loza - Ramon Barea Photography: Kiko de la Rica Sound: Aurelio Martinez Music: Ramon Torre Lledo Editing: Julia Juaniz Produced by: Jose Maria Lara Darsteller: Elena Irureta - Loli Astoreka - Ane Gabarain Spanien, 1998, Farbe, 35 mm, 92 Minuten, 1/1.85, DTS / SR, Spanische Originalfassung mit deutschen Untertiteln In einem abgelegenen und dekadenten, beinahe gottlosen Kloster bereiten vier Nonnen ihren "Ausbruch" vor, nachdem sie dort 20 Jahre ihres Lebens freiwillig eingesperrt waren. Durch ihren naiv anmutenden und zugleich abenteuerlichen Ausbruch wollen sie "von neuem die Mutter Natur entdecken". Der Tunnel, den sie graben, fährt zu einer antiken Krypta des Klosters, die genau unterhalb des heutigen Beichtstuhls liegt. Um ihr Vorhaben nicht zu gefährden, halten sich die vier abtrünnigen Nonnen aus dem Streit zwischen der Oberin und ihrer nach der Macht strebenden Stellvertreterin heraus. Sie müssen sich auch fernhalten von den Aufgeregtheiten um die Alarmbekundungen, die laut der Fürsorgeschwester vom einbalsamierten Leichnam der Klostergründerin herrühren, die in einer kleinen Kapelle des Klosters verehrt wird und darauf wartet zur Heiligen erkoren zu werden. Das Kloster, halb Gefängnis, halb Altersheim, ist der Ort, an dem die Handlung spielt und der Raum, in dem sich die Träume, Illusionen sowie die kleinen Erpressungen und Kämpfe der Frauengemeinschaft entwickeln. PREISE: Festival de Cine de Alcalà de Henares: Publikumspreis Beste Darstellerin: Elena Irureta Preis der Baskischen Schauspielergewerkschaft: Beste Darstellerin: Ane Gabarain PRESSESTIMMEN: Der Film injiziert Leben in jenes abgedroschene Nebengenre der Nonnenkomödie und zapft dabei die kulturelle Nostalgie eines Publikums an, das während der Messe zu kichern pflegte. Das reichlich unmodische, aber angenehme Debüt des Schauspielers Ramon Barea auf dem Regiestuhl erzielt dabei Charme und Einblicke, was für die liebevolle Zuneigung spricht, die er als sein Thema ansieht. Die Stärke des Films liegt in dem Verständnis das Barea seinem Thema entgegenbringt, sowie seinem Mitgefühl für eine Figurengruppe liebenswerter Unschuldigen, von denen jeder auf seine Weise durch die Härten eines gläubigen Lebens deformiert ist. Die ganze Geschichte spielt in einem, langsam zerfallenden, von aller Welt anscheinend aufgegebenem Kloster, in dem es zwei Fraktionen gibt, die miteinander im Kriegszustand liegen - die altmodisch eingestellten Nonnen unter der Führung der stellvertretenden Äbtissin (Itziar Lazkano), die voller Liebe den toten Leib der Gründerin des Klosters bewachen, und die progressiv gesinnte Äbtissin (Ione Irazabal), die meint, die Nonne müssten sich der modernen Welt aufschließen. Ihre Sekretärin beklagt sich: "Ich kann mich nicht von heute auf morgen von Olivetti auf Windows 95 umstellen: ich bin nicht Salomo!" Der entscheidende Teil der Story konzentriert sich auf eine Gruppe von Nonnen, die einen Tunnel unter dem Beichtstuhl graben, um zu entfliehen. Darunter sind die zigarettenrauchende Schwester Rufina (Elena Irureta) mit ihrem Macho-Wesen, die immer Priesterin sein wollte, Schwester Asun (Loli Astoreka), die glaubt schwanger zu sein, und schließlich ein Baby geboren zu haben, Schwester Remedios (Aitzpea Goenaga) die heiter auf eine Statue von Jesus einplaudert, als wäre er am Leben, und Rosarito (Ane Gabarain, mit der stärksten komischen Leistung), deren Unschuld an Einfalt grenzt. Nach einer ganzen Menge wohlvertrautem Theater einschließlich der üblichen Verwechslungen und nächtlichem Durcheinander gelingt den Nonnen schließlich die Flucht. Die übrigen Personen sind stark herausgearbeitet, vor allem ein junger Einfaltspinsel, der vor den Klostermauern steht und sich sexuellen Fantasien über die Vorgänge drinnen hingibt, und zwei schwarze Nonnen, die schöne alte Lieder aus Afrika singen. Der Film ist eine ungewöhnliche Mischung aus Wärme und einem ausgeprägten Appeal an intellektuelle Ansprüche (oder Kitsch!). Das Beste ist der geistliche Dialog. (Variety) TXOTX Regie: Asier Attuna, Tesmo Esnal Spanien 1997, Farbe, 15 Minuten, OmU Eine Cidrekneipe ist im ganzen Baskenland wegen ihrer herausragenden Fleischgerichte bekannt und beliebt. Ein paar Freunde lernen bei einer feuchtfröhlichen Feier die dunkle Seite des anregenden Ortes kennen. Schwarzhumoriger Kurzfilm aus dem Baskenland |
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UNTERSUCHUNG
AN MÄDELN
Anna Thalbach, Elke Winkens, Max Tidof, Otto Sander, Martin Brambach, Branko Samarovski Regie u. Drehbuchmitarbeit: Peter Payer; Drehbuch: Wolfgang Beyer nach dem gleichnamigen Roman von Albert Drach; Kamera: Andreas Berger; Ausstattung: Christoph Kanter; Schnitt: Britta Nahler; Ton: Marc Parisotto; Musik: Werner Pirchner; Kostüm: Anita Stoisits; Maske; Georgie Schillinger, Christine Perlinge; Casting: Barbara Vögel; Produktionsleitung: Robert Opratko; Herstellungsleitung: Manfred Fritsch; Produzenten: Danny Krauz & Kurt Stocker; Deutsch, Farbe, 35mm, 1:1,85, Dolby SRD, 90 Min. Eine bizarre Geschichte wird in ausgesucht stilisierten und erlesen kadrierten Bildern mit viel Theaterpathos intelligent erzählt; eine Mixtur aus Justizdrama, Provinzposse und Krimi mit einer verschwundenen Leiche. Angesiedelt im Österreich der siebziger Jahre, im burgenländisch-katholischen Kleinstadtmief zwischen Backhendln, miefigen Kneipen und großkragigen Herrenhemden, für deren Träger, wie Stella einmal drastisch-treffend ausdrückt, die Liebe nur ein Trieb ist, "der sich vom Harnlassen kaum unterscheidet". "Für die Männer ist die Liebe nur ein Trieb, der sich vom Harnlassen kaum unterscheidet", sinniert Stella Blumauer (Anna Thalbach) in ihrer Zelle, in der sie auf den Anfang vom Ende wartet. Esmeralda Nemetz (Elke Winkens) wartet schweigend in einer anderen Zelle. Die beiden Freundinnen wurden vom Viehhändler Josef Trummer in seinem Wagen mitgenommen und sexuell mißbraucht. Für den von sexuellen Phantasien gequälten Untersuchungsrichter Baldur Meixner (Otto Sander) gibt es keine Zweifel. Die animalisch-erotische Ausstrahlung der Mädel hat den Viehhändler getötet. Frauen sind Täter. Die Leiche wird niemals gefunden. Dass Trummers Pass fehlt, scheint die bigotten Hüter von Recht und Ordnung nicht zu stören. Frauen, die sich wahllos dem männlichen Geschlecht hingeben, sind für ihre möglichen Taten zur Verantwortung zu ziehen. Im Namen des Volkes. "Der Hure bleibt zumindest eines erspart - die Anrede Fräulein." Nur Harald Poppinger (Max Tidof) glaubt an die Unschuld seiner Gespielinnen. Nach dem gleichnamigen Roman des Autors und Rechtsanwalts Albert Drach hat der Regisseur Peter Payer die "Untersuchung an Mädeln" in Szene gesetzt, deren strenger, protokollarischer Rhythmus fasziniert. In eigenwilligen Rückblenden nähert sich Payer den beiden Frauen, ohne jemals selbst Position zu beziehen. Er lässt Thalbach und Winkens genügend Raum, um Gefühlszustände zu erfassen und auszudrücken. Glück, Freude, Trauer, Angst. Mit Gesten, Mimik, Bewegungen und kargen Dialogen, in denen keine überflüssigen Worte fallen. Fast unmerklich entblößt er die zweifelhafte Wahrheit, die sich mit subtiler Gewalt wahr lügt. Payer hat ein anspruchsvolles filmisches Protokoll eines Prozesses geschaffen, das den Zuschauer herausfordert, sich darauf einzulassen. (Media Biz) Peter Payers tragikomische Kriminalgeschichte über eine Hexenjagd in Zeiten eines nur scheinbar modernen Rechtssystems macht von Anfang an klar, daß der wahre Fall "Patriarchat" heißt. Nach und nach läßt er zwei Frauenfiguren entstehen, wie sie einschlägig männlichen Vorstellungen von Frauen entsprechen: Stella und Esmeralda (Elke Winken, Anna Thalbach) sind attraktiv, jung und voller Lebenslust für die einen eine Chance, für die anderen eine Bedrohung. Die Forschheit und die Plumpheit ihrer Liebhaber und Verfolger macht die Geschichte zu einer saloppen Satire auf eine Männerwelt, deren Gedankengänge bestenfalls zwischen den Beinen durchführende Engpässe sind. Nach der Vorlage eines Romans von Albert Drach verfilmt, ist "Untersuchung an Mädeln" elegant gestyltes Kino, in dem Payer zwanglos jenes Maß an Schaulust provoziert, über das er sich in entspanntem Erzählton lustig macht. (rb) Der Streifen stützt sich auf professionelle Darstellung, so von Otto Sander und Max Tidof, bezieht seine Frische jedoch aus dem Spiel von Anna Thalbach und der relativ unbekannten Elke Winkens. (Sächsische Zeitung) Albert Drach, Autor des Romans, der Payers Film zu Grunde liegt, war Jurist. "Er hat dieses Kriminalprotokoll wie alle seine anderen Romane in sehr juristischem Deutsch geschrieben. Daher auch dieser eigenartige Sprachstil, den wir zum Teil im Film übernommen haben." Aber, so erläutert Payer, es handelt sich bei Drachs Buch nicht um eine konkrete Fallbeschreibung. Die vielleicht absurdeste Figur des Films, der selbst ernannte Seemann in der niederösterreichischen Provinz stammt ebenfalls aus dem Roman. "Mir hat gerade dieses Bild sehr gut gefallen: der Seemann als Freibeuter der Seele, der weitgereiste Matrose, der dann in diesem nicht einmal kleinstädtischen Umfeld steckenbleibt. Das ist eine Metapher des Scheiterns, aber gleichzeitig gibt er seine Ziele nicht auf." Die Schauspielerin Anna Thalbach und Elke Winkens sind beide in gewissem Sinne Stars. "Elke Winkens ist in Österreich sehr bekannt, sie kommt aber aus der Comedy-Richtung. In diesem Film spielt sie ihre erste ernsthafte Rolle." Peter Payers Film ist sehr österreichisch, und das liegt an der Sprachmelodie und am Rhythmus, nicht an der Aussprache der Darsteller, die zum großen Teil Deutsche sind. "Wir benutzen eine Form von Kunstsprache, und wir hatten große Angst, die für die englische Fassung zu übersetzen. Das seltsam Süffisante, Böse, Bittere, aber doch Lustvolle der Sprache, vor allem der Off-Kommentare, ist glatter und böser geworden. Die leise Ironie ist ein bisschen weg, aber dafür ist es zynischer." |
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AUSGEMUSTERT
- LES DECLASSES
Philipp Pillon, Tony Baillargeat,
Enrico Mattaroccia, Eric Borras, Alain Naron, Sophie Gueydon, Jonathan
Zaccai, Jo Prestia
Regie: Tony Baillargeat; Kamera:
Guillaume Andrey; Sound: Eddy Zamberlan; Set Design: Eva Sommerlatte,
Javier; Editing: Frank-Oliver Charlard; Soundtrack: Philippe Rigal,
Michael Aim, Ali Mitchell; Produzent: Iris Sommerlatte; Frankreich /
Deutschland 1999, Farbe, 35mm, 117 Minuten, Franz. OF m. dt. Untertiteln
Gangster, Philosoph, Dichter: Le
Normand (Philipp Pillon) hat viele Talente, dafür aber um so
weniger Mitleid mit den Konkurrenten und Verrätern, die er kaltblütig
und effizient aus dem Weg schafft. Nico (Tony Baillargeat) ist so ein
Abtrünniger: Er soll seinen Auftraggeber in eine Falle locken, doch
der Deal geht schief, und Le Normand ("Der Normanne", wie
Freund und Feind ihn gleichermaßen nennen) will Rache. Tony
Baillargeats Spielfilm-Erstling ist eine rauhe Mischung aus Genre- und
Independent-Kino, die Sozialkritik mit Thrill und Suspense perfekt zu
kombinieren versteht. Weitab vom Kasperletheater des Gangster-Kinos rund
um den Freundeskreis eines Quentin Tarantino präsentiert "Les
Déclassés" Gewalt als Tragödie und Verhängnis,
nicht als lässige Pointe.Fazit: Die Deklassierten sind Güteklasse
A. (Hamburger Morgenpost)
Mörder und Poet, schwuler
Gangster und Philosoph: Der Mann, den Feind wie Anhänger
respektvoll "Le Normand" (Philipp Pillon) nennen, ist ein
Zwitter aus Gewalt und Intellekt: einer, der seine Opfer in die Lyrik
Rimbauds und Baudelaires einführt, um sie dann grausig für
Verrat und Untreue zu bestrafen. Nico (Tony Baillargeat) steht in den
Diensten des "Normannen" - ein Job, der von Tag zu Tag gefährlicher
wird. Denn Le Normand führt Krieg gegen rivalisierende Banden und
eine von ihnen zwingt Nico zum Verrat: Er soll seinen Auftraggeber in
eine Falle locken. Doch der Deal geht schief, der Normanne will Rache.
So kommt ein Drama in Gang, das immer mehr Opfer fordert: erst Sergio
(Enrico Mattaroccia), Ricos Freund und Mitbewohner, dann seinen Bruder
Eric (Eric Borras). Klar, dass Nico ebenfalls nach Rache sinnt; tapfer kämpft
er sich bis zum Hauptquartier des Philosophen-Killers in Le Havre vor,
wo alles ein unerwartetes Ende nimmt...
Milieustudie, Gangster-Ballade,
morbide Elegie - Tony Baillargeat ist mit seinem Spielfilm-Erstling auf
Anhieb ein vielschichtiges Kunststück gelungen, das einen persönlichen
Blick auf Verbrechen, Schuld und Gewalt mit Genre-Versatzstücken
eigensinnig und spannend kombiniert. (Institut Francais)
Man muss sich schon erwärmen
für diesen Gangster-Film, in dem der Held französische
klassische Lyrik zitiert, während er Kniegelenke zertrümmert,
Glieder zersägt oder jemand, der ihm unklugerweise in die Quere
kommt, mit Kugeln durchlöchert. Tony Baillargeats Debütfilm
AUSGEMUSTERT - LES DECLASSES prahlt mit seinem Helden "Le Normand",
der Normanne, ein vernarbter Bandit aus Le Havre, mit einem Schnauzbart
à la Asterix, einem Hang zu altbewährter Philosophie und dem
gleichen Geschlecht zugetan. Er gehört zur ersten Garde von
Gangstern in Paris. Er spielt Domino mit seinen Opfern, spendiert ihnen
Einblicke in Jules Laforgues Verse und holt sich seine Sex-Boys auf dem
schwulen Straßenstrich. "Willst du mich töten?"
fragt ihn einer seiner glücklosen Opfer, als er mit seinem Hammer
fuchtelt. "Ich weiß nicht" antwortet der Normanne, "ich
werde dich damit schlagen und dann sehen ob du stirbst". Ein Zug
makabren Humors durchzieht den Film. Aber es gibt auch poetisch-zärtliche
Momente im Film. In seiner eigenen rauhen Weise ist der Film sehr
stilvoll gedreht, es ist dennoch eine sehr brutale Kost. Drehbuchautor
und Regisseur Baillargeat spielt Nico, einen muskulösen
Kleinkriminellen, der in den Sumpf des "Stanley Kowalski" gerät,
erpresst wird und den Normannen verrät. Die Gangsterbanden
reagieren in der üblichen Weise, indem sie Nicos Bruder umlegen und
damit zum überraschenden Filmfinale überleiten. Der 29jährige
Baillargeat führte bisher Regie bei seinem Kurzfilm "Poker
Night", eine Adaption des Theaterstücks von Philippe Pillon.
Er hat außerdem in etlichen Filmen mitgewirkt, u. a. in Philippe
Grandieux's "Sombre" und Gael Morel's "Grande Surface".
(Geoffrey MacNab, Rotterdam Filmfestival)
Ein Höhepunkt des
Tesafilm-Festivals, das jungen internationalen Nachwuchsregisseuren ein
Podium gibt, ist eine deutsch-französische Koproduktion. Der 29jährige
Tony Baillargeat zeigte seinen Erstling "Les Déclassés".
Baillargeat, der schon mit 12 Jahren anfing für Theater und Kino zu
schreiben, ist ein Multitalent. In seinem Film hat er nicht nur Regie
geführt. Auch das Drehbuch stammt von ihm. Und er spielt die
Hauptrolle: Nico, einen jungen Mann von der Schattenseite des Lebens,
der für einen Pariser Drogendealer arbeitet, einen Killer - und das
macht den Reiz dieses Films aus -, der aber auch Poet und Philosoph ist:
ein Zwitter aus Gewalt und Intellekt. Nico, der im Grunde unschuldige
Junge aus der Provinz, wird am Ende über ihn triumphieren. "Mein
Film soll die Ambiguität aufzeigen, die in jedem von uns steckt,"
sagt der Regisseur, "wenn ich ihm ein Etikett umhängen müsste,
stufte ich ihn als psychologischen Krimi ein, irgendwo zwischen
Scorseses "Taxidriver" und Carnés "Hafen im Nebel".
Referenzen, die für einen guten Geschmack sprechen... Zur Brutalität
in seinem Film befragt, meint er: "Ich will die Gewalt nicht verklären,
sondern zeigen, warum meine Figuren überhaupt so gewalttätig
werden." Bei seinen jungen Helden ist ihm das auch gelungen. (Die
Welt) |
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