Im Braunfelser Haus des Gastes steht ein Zeugnis der Automobilgeschichte

Ein "Colibri" aus dem Jahre 1902

Braunfels (re). Besucher im Haus des Gastes m Braunfels können im Foyer ein Zeugnis aus den Kindertagen der Automobilgeschichte bewundem: In einer Glasvitrine steht dort ein Oldtimer-Fahrzeug Marke "Colibri". Es wurde 1902 von den Norddeutschen Automobilwerken in Hameln gebaut. Wie seine Seriennummer beweist, ist es das erste Auto seiner Ausgabe.

Die Stadt Braunfels kann sich glücklich schätzen, daß ihr dieses Automobil als Leihgabe von seinem jetzigen Besitzer Klaus Fröhlich zur Verfügung gestellt wurde. Auf der ganzen Welt gibt es nur noch zwei dieser Bauart. Das zweite Exemplar befindet sich im Verkehrsmuseum der Stadt Hamburg. Das Deutsche Museum in München und das Verkehrsmuseum in Sinsheim interessieren sich ebenfalls stark für den Oldtimer.



Das Fahrzeug war vor dem ersten Weltkrieg von dem Braunfelser Heinrich Weber, dem Großvater des jetzigen Besitzers Klaus Fröhlich, erworben worden. Es stellte damals eine absolute Attraktion im heimischen Raum dar, war es doch das erste Auto in Braunfels. Der Uhrmachermeister Heinrich Weber hatte sich mit dem Kauf des Autos eine zweite Existenz geschaffen. Er benutzte das Fahrzeug nicht nur, um seine Uhren zu transportieren, sondern er gab auch Fahrunterricht. Zu seinen ersten Fahrschülern zählte der damalige Sanitätsrat Dr. Bode.

Natürlich wurden auch Ausflüge mit dem Fahrzeug unternommen. Wenn die Familie Weber eine Tour zur Dianaburg machte und der 3,5 PS starke Motor die Steigung nicht schaffte, mußten alle aussteigen und schieben. Heinrich Weber legte den Rückwärtsgang ein und lenkte das Fahrzeug den Berg hinauf. Im ersten Weltkrieg transportierte sein Besitzer mit dem Auto Kabeltrommeln in die Festung Mainz. Gegen Ende des Krieges montierte Heinrich Weber die Räder des Fahrzeuges ab, um eine Beschlagnahmung zu verhindern.

Mit Aufkommen der Kfz-Steuer Ende der 20er Jahre wurde das Auto stillgelegt, da Heinrich Weber die Kosten zu hoch erschienen. Es wurde im Schuppen abgestellt und im Laufe der Jahre mit Gerumpel zugedeckt. Hier stand es bis nach dem zweiten Weltkrieg. 1947/48 holten es die Kirmesburschen für einen Umzug aus dem Schuppen. Nach all den Jahren unter dem Gerumpel sprang es erstaunlicherwelse sofort an.

Im Jahre 1954 überließ der Uhrmachermeister das Auto seinem Neffen Hermann Weber in Siegen unter der Bedingung, daß sein Enkel Klaus Fröhlich nach dessen Tod das Fahrzeug zurückbekommt. Als der Neffe vor einigen Jahren starb, ging daher das fast 90 Jahre alte Auto in den Besitz von Klaus Fröhlich über. Dieser hat es jetzt der Stadt Braunfels zur Verfügung gestellt.

Nach Auskunft des ADAC ist die Stadt Braunfels damit in der glücklichen Lage, das älteste Auto in Hessen zu besitzen. Interessenten können den sehr gut erhaltenen Oldtimer im Haus des Gastes bewundern.


Copyright 1991 (c) 03.06.91 Solms-Braunfelser-Zeitung

 

 

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